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Urteilen

Akteur-Beobachter-Divergenz

einmaleins@flavia-it

Wie ein Mensch sich in einer bestimmten Situation verhält, wird zum einen durch seine Charakterzüge, zum anderen durch äußere Einflüsse bestimmt. Beurteilen wir das Verhalten eines anderen Menschen, schätzen wir den Einfluss seiner Persönlichkeit allerdings viel höher ein, als wir das bei uns selbst tun.
Bei einem Unfall wird der Andere so zum „schlechten Autofahrer“, während wir selbst „nur den schlechten Witterungsverhältnissen zum Opfer gefallen sind“

Verwandte Themen
Weitere Informationen
Abgrenzung zum Halo-Effekt:
Attributionsfehler Halo-Effekt
Korrespondenzverzerrung Kognitive Verzerrung
Zuschreibung bestimmter Eigenschaften als Ursache für das Handeln vonMenschen, nicht aber der situationsbedingten Eigenschaften
Man schließt von bekannten Eigenschaften
einer Person auf unbekannte

Eigenschaften, ohne dafür irgendeinen Hinweis zu haben

Tendenz, dass ein Beobachter bei der Verhaltensanalyse eines Menschen den Einfluss der Situation unter-und den Einfluss der persönlichen Veranlagung
überschätzt. (fundamentaler Attributionsfehler;Ross)
Einzelne Eigenschaften einer Person erzeugen einen positiven/negativen
Eindruck, der die weitere Wahrnehmung der Person „überstrahlt“ und so den
Gesamteindruck unverhältnismäßig beeinflusst.
Tritt v. a. dann auf, wenn
sich der zu Beurteilende durch besonders
hervorstechende, ausgeprägte Eigenschaften oder Verhaltensweisen
auszeichnet bzw. wenn der Beurteiler spezielle auf eine Verhaltensweise oder

ein Merkmal Wert legt und dieses entsprechend überbewertet

Häufiger Fallstrick in der Alltagspsychologie:
Menschen schreiben das Verhalten anderer Personen eher personalen, das eigene Verhalten eher situationalen Faktoren zu. Unterschiede in der Wahrnehmungsperspektive: Menschen sehen in einem gegeben Kontext eher die Anforderungen und Charakteristika der Situation, während die eigene Person aus dem Wahrnehmungsfokus zurücktritt, während es bei Beobachtern umgekehrt ist, indem die beobachtete Person im Mittelpunkt der steht.
(Akteur-Beobachter-Fehler;Jones&Nisbett)
–> Gefahr: keine objektive Wahrnehmung

Quelle: https://sanfuchs1979.files.wordpress.com/2014/11/attributionsfehler-vs-haloeffektpdf.pdf

Abgrenzung zum Halo-Effekt am Beispiel „Autounfall“:


Die allgemeine Situation ist: Ein Mensch baut einen Autounfall.

Wir nehmen 2 verschiedene Fälle an:

  • Akteur-Beobachter Divergenz: ich stehe mit einer Panne am Straßenrand. 
    Wenn ich als aktiver Verursacher den Unfall erklären soll, würde ich eher situative Gründe anführen: „Der Drängler hinter mir hat mich aus dem Konzept gebracht und dadurch habe ich die Kontrolle über den Wagen verloren.“ oder: „die Straße war wegen des einsetzenden Regens plötzlich so rutschig, da hätte jeder einen Unfall gebaut:“
    Befinden wir uns allerdings in der Beobachterrolle einer ähnlichen Situation, fällen wir dagegen ein ganz anderes Urteil und unterstellen, dass sicherlich Charaktereigenschaften des Unfallverursachers entscheidend waren: „Der ist sicherlich zu schnell gefahren und hat dann die Kurve falsch eingeschätzt.“ 


    Wir messen hier mit zweierlei Maß, je nachdem ob wir unser eigenes Verhalten oder das eines anderen erklären wollen. 

  • Halo-Effekt: hier gehen wir davon aus, dass wir nicht einen Unbekannten beobachten, sondern dass wir den Unfallverursacher persönlich kennen. Wir haben ihn als besonnenen, vorausschauenden und in sich ruhenden Charakter erlebt. Dem Halo-Effekt fallen wir zum Opfer, wenn wir auf Basis dieser uns bekannten Eigenschaften die Annahme treffen, dass er den Unfall wahrscheinlich nicht selbst verschuldet hat, weil er sicherlich ein ebenso besonnener Autofahrer ist. Wir leiten aus dem allgemeinen Eindruck „besonnener Typ“,  die Einschätzung „guter Autofahrer“ ab, obwohl wir das letztlich nicht wissen können. 

Beiden Fällen ist gemeinsam, dass wir die Handlung einer anderen Person anhand seiner Persönlichkeitsmerkmale einschätzen. Allerdings findet in beiden Fällen eine Verzerrung statt.

Im ersten Fall gewichten wir als Beobachter den Einfluss persönlicher Merkmale sehr stark, obwohl andere Faktoren die Situation genauso mitbestimmen. Im zweiten Fall erschließen wir uns unsere Einschätzung aus einem ganz anderen Persönlichkeitszug, der mit der aktuellen Situation eigentlich nichts zu tun hat

Auffällig ist hier, dass beim Halo-Effekt eine Erfahrung (hier mit einem anderen Menschen) zur Vorhersage eines zukünfigen Verhaltens genutzt wird. Bei der Akteur-Beobachter-Divergenz ist das nicht der Fall. Die Erfahrung, die wir selbst gemacht haben, bzw. die Bewertung, die wir in diesem Moment für uns selbst vorgenommen haben, nutzen wir nicht, um das Verhalten eines Anderen in ähnlicher Weise zu erklären.

Quellen:

Ähnliche Effekte:

Experimente:

EXPERIMENT (Ross und Samuels, 1993): „Wall Street Game”
Hängt es von der Persönlichkeit oder von der Situation ab, wie Menschen sich
in einer Spielsituation verhalten?
? UV 1: Persönlichkeit der Vpn (kompetitiv vs. kooperativ)
? UV 2: Soziale Situation (kompetitiv vs. kooperativ)
? Das von den Probanden zu spielende Spiel wurde ihnen entweder als
„Wall Street Game“ oder „Community Game“ vorgestellt.
? AV: Verhalten der Vpn während des Spiels (kompetitiv vs. kooperativ)

Die Persönlichkeit der Vpn hatte keinen Einfluss auf das Spielverhalten;
entscheidend war allein der Name des Spiels.
? Insbesondere extremes Verhalten (Mord usw.) wird gerne auf
Persönlichkeitsmerkmale zurückgeführt, da nach einfachen Erklärungen gesucht wird
(Oversimplification).

Irgendwie als zusätzliche Info aufbereiten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Attributionstheorien

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