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Handeln

Bann der Unmittelbarkeit

einmaleins@flavia-it

Menschen tendieren dazu, ihre Präferenzen im Zeitverlauf zu ändern. So belegen Experimente, dass viele Probanden 1.100 Euro in 13 Monaten anstatt 1.000 Euro in 12 Monaten bevorzugen, zugleich sind ihnen aber 1.000 Euro heute anstelle von 1.100 Euro in einem Monat lieber. Demnach fördert die Zukunft planvolles, die Gegenwart impulsives Handeln. Aus dem Grund scheitern so viele gute Vorsätze, sobald sie zur Umsetzung anstehen.

Weitere Informationen

Quellen:

zu „eine biopsychologische Perspektive“:

Zweig, Jason: Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht, Carl Hanser Verlag 2007.

zu „Zwischenmenschliche Unterschiede“:

Ernst, Andreas: Ökologisch-soziale Dilemmata, Enzyklopädie der Psychologie (2008) S. 389

Bachelorarbeit über Verhaltensökonomische Analyse von Hochfrequenzkursdaten zur Bewertung von Derivate:

http://bauhaus.cs.uni-magdeburg.de:8080/miscms.nsf/FEA8C8150500AA14C1257449004F79A9/2FC5DA1A25FF5D30C1257A1C00697351/$FILE/Bachelorarbeit%20Markus%20Wirth.pdf

Zeitpräferenz und Zeitkonsistenz: Zur Rationalität sequenzieller Entscheidungen

http://ageconsearch.umn.edu/bitstream/99006/2/4_Weikard.pdf

Hyperbolische Diskontierung an den Beispielen „Gebrauchtwarengüter“ und „Arbeitsmarkt“

http://anna.ww.tu-berlin.de/~wey/seminar/arbeiten_ws0506/arbeit_becker_diskontieren.pdf

Kurz gedachte Freude
Hier & Jetzt oder Zukunftsplanung? Leben im Augenblick ohne Weitsicht kann fatal enden (Induktion)

Synonyme:

  • Hyperbolic Discounting

Abgrenzung zu anderen Effekten:

  • HD gegen Prokrastination: Hier steht eine bewußte sprunghafte Umwertung einer selbstbetrügerischen permanenten Verschiebung entgegen. Um beim obigen Umzugsbeispiel zu bleiben: Der Mann, der seine Freunde um Umterstützung des Umzuges bittet ist dann ein Prokrastinierer, wenn er die zwingend notwendigen Vorbereitung immer wieder und schließlich sogar über den „Schmerzpunkt“ (also das Umzugsdatum) hinaus verschiebt. Dabei mangelt es ihm nicht an Rechtfertigungen/Ausreden sich selbst gegenüber. Die Helfer kommen am Umzugstag schließlich in die völlig unvorbereitete Wohnung – was die Laune nochmals verschlechtert. Diese ist bei vielen Helfern nämlich ohnehin mehr als bescheiden. Ursache hierfür ist die HD. Sie wurden bereits vor Monaten gefragt, ob sie an diesem Datum beim Umzug helfen könnten. Da sie zu diesem Zeitpunkt den Zeitverlust am Umzugsdatum niedrig bewertet haben (jedenfalls niedriger als der Gewinn aus dem Gefühl, einem Freund zu helfen), haben sie auch zugesagt. Kurz vor dem Umzug sieht die Sache freilich anders aus: Der gleiche Zeitverlust wird jetzt sehr hoch bewertet, da eine Vielzahl von Handlungsalternativen in greifbarer Nähe sind. Dem Freund wird zwar geholfen, jedoch nur zähnknirschend.
  • HD gegen Knappheitsirrtum: Ein Mann analysiert seine finanzielle Situation und kommt zum Schluss, dass er diese verbessern muss, da die Ausgaben der letzten Monate im Schnitt immer über den entsprechenden Einnahmen gelegen haben. Er beschließt somit, ab dem nächsten Monat Konsumverzicht zu üben und so den Haushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Kurz bevor der selbstauferlegte Verzicht greifen soll sieht er beim lokalen Autohändler einen sehr ansprechenden Wagen. Der Mann kauft diesen, gibt sein altes, abgezahltes Modell in Zahlung und finanziert die Differenz – schließlich stand demnächst ohnehin ein Wagenkauf an und etwas Luft ist auch noch im Dispo. Die HD hat zur Umkehr der Präferenz und neuen Konsumausgaben geführt. Anders sieht es beispielsweise aus, wenn ein wohlhabender Mann entscheidet, den lokalen Automarkt zu sondieren und Angebote einzuholen. Bei einem Händler erspäht er einen interessanten Wagen, dessen Kauf er sich aber noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen möchte. Der Händler sagt ihm, dass das natürlich vollkommen in Ordnung sei er ihn allerdings darauf hinweisen möchte, dass diese limitierte Edition stark nachgefragt ist und er bereits mehrere konkrete Interessenten hat. Da dieser gediegene Wagen aber zu ihm (dem Kunden) am besten passen würde, würde er ihn selbstverständlich eine Stunde reservieren – spätestens dann bräuchte er jedoch eine Entscheidung. Der Mann kauft den Wagen, ohne weitere Angebote einzuholen – die künstliche Verknappung führt über die Angst vor dem Verlust (des Angebots) zur Aktion.
  • HD gegen Sicherheitsdenken: Ein junges Ehepaar ist sich darüber einig, dass es eine gute Idee wäre, für das Alter zu sparen, zumal sie noch keine Rücklagen haben. Aus dem Grund möchten sie zum nächsten Jahreswechsel in wenigen Monaten einen Banksparplan einrichten. Zuvor müssen sie noch einige Anschaffungen für ihren Hausstand tätigen. Als nun tatsächlich der Jahreswechsel ansteht und sich der Bankbetreuer zwecks Terminvereinbarung meldet überlegen die beiden es sich anders, die avisierten Sparraten geben sie lieber für den Kosum aus. Der Präferenzwechsel kann aufgrund der HD erfolgen: Der Konsum jetzt ist mir lieber als darauf zu verzichten und später mehr konsumieren zu können (da das Geld ja als Banksparplan angelegt und vermehrt wird) – der Diskontsatz (Zins) ist dem Paar zu niedrig. In einem anderen Umfeld jedoch kann die Entscheidung durchaus einem (teilweise berechtigten) Sicherheitsdenken geschuldet sein, beispielsweise wenn es sich um ein Ehepaar in Deutschland im Jahr 1922, in Argentinien im Jahr 2001 oder in Zypern im Jahr 2013 handelt. Die geänderte Präferenz basiert dann nicht auf HD sondern der Änderung des Risikoprofils. Im Angesicht tatsächlicher/möglicher Enteignungen oder einer Hyperinflation ist ein Banksparplan schlicht zwecklos.

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Zwischenmenschliche Unterschiede:

Unterschiedliche Pesönlichkeiten können sich hinsichtlich ihrer Zeitpräferenz unterscheiden. Sie ist ein differenzielles Konstrukt. Gegenwartsorientierte Menschen diskontieren zukünftige Ereignisse stark, beziehen diese also weniger in ihre Entscheidung ein. Zukunftsorientierte Menschen werten zukünftige Ereigisse weniger ab (diskontieren weniger) und achten daher mehr auf diese.

Psychologische Gründe für eine Gegenwartsorientierung sind z.B. die Tatsache einer endlichen Lebenserwartung, generelle Unsicherheiten im menschlichen Leben, die durch Konsumverzicht entstehende relative Entbehrung.

Zukunftsorientiertes Handeln wird durch eher kognitive Faktoren gefördert wie Belohnungsaufschub und Selbstkontrolle.

Empirisch kann man jedoch nicht von der Zeitpräferenz einer Person sprechen. Je nach Situation und Rahmenbedingungen kann es sogar zur Umkehr der Präferenzen einer Person kommen

Eine biopsychologische Perspektive:

Forscher der Princeton University haben ein Experiment mit Amazon-Gutscheinen analog zur Frage „1000 Euro in einem Jahr oder 1.100 Euro in einem Jahr und einem Monat“ bzw. „1000 Euro heute oder 1.100 in einem Monat“ durchgeführt. Es wurden jedoch nicht nur die Antworten der Probanden erfasst, sondern auch deren Gehirnaktivitäten von der Fragestellung bis zur Antwort gemessen. Dabei stellte sich heraus, dass der analytische Teil des Gehirns (präfontaler und parietaler Kortex) unabhängig vom Zeitpunkt der Belohnung aktiviert wird. Der intuitive Teil des Gehirns (Nucleus accumbens und Nachbarregionen) wird hingegen nur dann aktiv, wenn eine sofortige Belohnung in Aussicht steht. Diese sofortige Belohnung geht mit einem kräftigen Dopaminstoß einher, den eine spätere Belohnung so nicht liefern kann. Ausnahme: Die Höhe der künftigen Belohnung übersteigt die sofortigen Belohnung sehr deutlich. Wenn also eine Person vor der Frage steht „1000 Euro heute oder 1.100 in einem Monat“ erzeugt die Aussicht auf sofort fällige 1000 Euro einen Dopaminschub, der die Geduld, einen weiteren Monat warten zu müssen und dafür „nur“ 10 Prozent mehr zu bekommen, auf eine harte Probe stellt (und Disziplin erfordert). Wenn aber die Belohnung ohnehin sehr viel später fließt, nämlich in einem Jahr bzw. 13 Monaten, dann fällt es mangels Dopaminschub auch nicht schwer, eine impulsive Entscheidung zu unterdrücken (wir werden, so der Autor, von unseren Emotionen nicht sabotiert) und eine Mehrheit entscheidet sich für die 1100 Euro. Demnach bestimmt also die voraussichtliche Dopamindosis über die Höhe der Diskontierung, welche biochemisch bedingt nicht konstant ist und den hyperbolischen Verlauf nach sich zieht.

weitere Infos aus dem Internet:

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