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Wahrnehmen

Regression zur Mitte

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Höhen und Tiefen, Schmerzen und Wohlbefinden, Glück und Pech, Erfolg und Misserfolg wechseln einander ab. Dies geschieht auch ohne das Zutun einer anderen Person. Häufig bemerken wir das nicht oder schreiben es sogar anderen Ursachen oder Maßnahmen zu, die mit der Veränderung gar nichts zu tun haben (Beratung, Training, Know-how eines Experten)

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„Regression zur Mitte ist ein Begriff der Statistik; er bezeichnet das Phänomen, dass nach einem extrem ausgefallenen Messwert die nachfolgende Messung wieder näher am Durchschnitt liegt, falls der Zufall einen Einfluss auf die Messgröße hat. Dies gilt immer, wenn die beiden Messungen korrelieren, aber nicht zu 100 %.Da dieser Effekt intuitiv nicht zu verstehen ist, führt er zu verschiedenen Denkfehlern. Zum einen werden oft illusorische Kausalzusammenhänge anstelle der zufälligen Regression gesehen, zum anderen wird bei Prognosen der dämpfende Effekt der Regression nicht beachtet, sondern der erste Messwert einfach extrapoliert.“

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Regression_zur_Mitte

Zur Geschichte der Regressionsrechnung s. http://www.matheschmidt.de/statistik/Downloads/station15.pdf

Daniel Kahnemann bezieht diesen Effekt auf zwischenmenschliche Beziehungen:

Das Alltagsleben liefert uns verzerrte Feedbacks. Weil wir dazu tendieren, Menschen, die uns gefällig sind, freundlich zu behandeln, während wir zu denen, die es nicht sind, gemein sind, werden wir aus statistischen Gründen dafür bestraft, nett zu sein, und dafür belohnt, gehässig zu sein.“

Quelle: Daniel Kahnemann:  „Thinking, fast and slow“

Zum besseren Verständnis dieses Zitats:

Unsere Überzeugung, dass eine Situation ausreicht, um das zukünftige Verhalten einzuschätzen, verleitet uns zu kausalen Schlüssen à la:

„Wenn der mir gefällig ist, wird er mir immer gefällig sein, deshalb bin ich mal wohl besser nett zu ihm“ und umgekehrt.
Tatsächlich ist das aber eine Momentaufnahme, eine zufällige Beobachtung, die sich im nächsten Fall, statistisch gesehen, eher in die andere Richtung bewegt. Zur Mitte hin.

Kahnemann sagt damit: jemand der einmal nett zu uns ist, verhält sich im nächsten Fall am ehesten nicht mehr ganz so nett. Umgekehrt wird sich der andere im nächsten Fall am ehesten freundlicher verhalten als beim letzten Mal.
Da wir aber aus der ursprünglichen, rein zufälligen Situation einen kausalen Schluss gezogen haben, reagieren wir bei dem „netten“ enttäuscht:  „Na, jetzt war ich auch nett zu dem und jetzt hat er es wohl nicht mehr nötig…“ und bei dem unfreundlichen positiv überrascht: „ach guck mal, der hat mir keinen Gefallen getan. Danach war ich unfreundlich zu ihm und da hat er sich wohl gedacht, bin ich mal lieber freundlicher. Das hat sich doch gelohnt“

Wir werden demnach in unserem eigenen Denksystem bestraft, weil auf eine nette Handlung eine Enttäuschung folgt und auf eine unfreundliche eine positive Überraschung. Das unfreundliche Verhalten werden wir demnach in Zukunft wiederholen (klassische Konditionierung), obwohl es auf einem Denkfehler beruht. Wir haben die Regression zur Mitte nicht bedacht.

Ein anderes Beispiel hierfür könnte der strenge Lehrer sein, der sich angewöhnt hat, einen schlechten Sportschüler zu tadeln, weil er danach in der Regel eine bessere Leistung zeigt, während er bei Lob die Erfahrung gemacht hat, dass die Leistung des Schülers hinterher etwas schlechter ausfiel.

  • Es gibt jedoch auch kritische Stimmen zu dieser Herangehensweise Kahnemanns. Sie geben zu bedenken, dass es
    a) doch sehr viele reflektierte Menschen gibt, die nicht so einem doch recht plumpen Konditionierungsmechanismus anheimfallen und
    b) ebensoviele Zeitgenossen einen Freundlichkeitsgrad nach außen demonstrieren, der in seinen Grundzügen unabhängig vom Verhalten anderer ist

Neben einigen anderen findet sich ein ähnliches Beispiel, wie das von Kahnemann, hier: „Klaus Fiedler vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg erklärt das universelle Prinzip der Regression anhand überraschender Alltagsbeispiele und zeigt, wie man die schwerwiegenden Fehlerquellen menschlichen Denkens erkennen und vermeiden kann. Für seine Forschungsarbeiten erhielt Klaus Fiedler kürzlich den renommierten Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.“

Quelle: https://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca2_2000/falle.html

„In jedem hohen Messwert steckt das Potential zum Absinken und in jedem niedrigen Messwert das Potential zum Anstieg.“

Aus: Die Regressionsfalle

„Intuitiv neigen Menschen dazu, von positiven Ergebnissen auf positive Eigenschaften und von negativen Ergebnissen auf negative Eigenschaften zu schließen. Das Prinzip der Regression verlangt aber das genaue Gegenteil.“

Aus: Die Regressionsfalle

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