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Erinnern

Alternative Pfade

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Wenn wir neue Wege gehen, wählen wir aus einer Vielzahl verschiedener Alternativen. Im Nachhinein übersehen wir, dass es auch anders hätte kommen können. Die anderen Pfade sind über die Zeit meist unsichtbar geworden.

Kognition Emotion Interaktion
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Abgrenzung zu Rückschaufehler und Historikerirrtum

Beispiel Immobilie

Ein Ehepaar mit Kind erwirbt eine gemeinsames Haus mit Garten und erfüllt sich damit einen Traum. Finanziert wird das ganze über die Bank, die monatliche Rate wird von beiden getragen, da beide berufstätig sind.

Viele Jahre später stirbt die Frau und der Mann muss alleine für die Raten aufkommen, was ihn vor große finanzielle Probleme stellt, die ihn zu starken Einschränkungen zwingen und ihn schlecht schlafen lassen.

Vom Kind gefragt, warum seine Eltern seinzeit keine Absicherung für diesen Fall in Form einer Risikolebensversicherung getroffen haben, antwortet der Mann:

„Erstens wollte deine Mutter das Haus unbedingt und zweitens wollte sie nicht über das unliebsame Thema Tod reden… ich hab es ja immer gewusst!“

Das wäre ein Rückschaufehler, wenn der Mann seine Erinnerung zu seinen Gunsten verzerrt.

Wenn das Kind allein daraus einen Vorwurf erhebt à la „wie kann man nur so unvorsichtig sein“, dann wäre das ein Historikerirrtum, denn das eingetretene Ergebnis wird stärker gewichtet als andere Infos, wie z.B. die finanzielle Situation der beiden, die Popularität und der leichte Zugang zu Risikolebensversicherungen zur damaligen Zeit etc.

Alternative I

Nehmen wir an, die Ehefrau ist nicht gestorben. Beide sitzen mit 65 Jahren auf der Veranda ihres nun abbezahlten eigenen Hauses und freuen sich diebisch über ihre Bauernschläue, sich das Geld für die Versicherung gespart zu haben, machen sich vielleicht noch lustig über die ganzen anderen „überängstlichen“ Bekannten, die meinen „alles absichern zu müssen“ und übersehen dabei, dass es auch anders hätte laufen können, wenn einer von beiden gestorben wäre.

Das wäre das Übersehen der (nun unsichtbaren) alternativen Pfade.

Alternative II

Nun verändern wir das Szenario derart, dass die beiden seinerzeit tatsächlich eine Risiko-Lebensversicherung abgeschlossen haben und außerdem die Frau nicht gestorben ist. Beide sitzen mit 65 Jahren auf der Veranda ihres nun abbezahlten eigenen Hauses und ärgern sich über das Geld, welches in die vermeintlich nutzlose Versicherung geflossen ist, davon hätte man dem Kind doch ein Auto schenken können.

Das wäre wieder das Übersehen der (nun unsichtbaren) alternativen Pfade, denn dass es auch anders hätte kommen können, erscheint in der Situation unvorstellbar.

Beispiel private Krankenversicherung

Ein junger Mann steigt ins Berufsleben ein und macht sich erstmals Gedanken über die hohen Beiträge zur KV. Von Plakaten, Fernsehwerbung und aus dem Bekanntenkreis lacht ihm die günstige private KV als Alternative entgegen, also beschliesst er einen Versicherungsvertreter aufzusuchen und sich ein Angebot machen zu lassen. Der Vertreter befragt ihn hinsichtlich Lebensplanung & Co. und als untypischer Vertreter seiner Zunft, rät er dazu, vorerst in der gesetzlichen KV zu bleiben, denn mit Familie könnte sich das später mal auszahlen. Stattdessen vermittelt er ihm nur eine Privathaftpflicht, die mit ca. 100 € pro Jahr zu Buche schlägt und so gut wie keine Provision bringt.

Viele Jahre später beobachtet der Mann seine Mitmenschen, die mit 60 Jahren horrende Beiträge für ihre private KV aufbringen müssen und eine Selbstzufriedenheit schleicht sich ein: Gut, dass ich so schlau war, mich nicht aus der Solidargemeinschaft zu verabschieden.

Das wäre Rückschaufehler und das Übersehen der alternativen Pfade in einem:

Rückschaufehler deshalb, weil er sich einredet, er habe die damalige Entscheidung seinem eigenen Urteilsvermögen zu verdanken; also mit heutigem Wissen eine frühere Situation (neu) beurteilt.

Ein Übersehen der Alternativen Pfade ist es deshalb, weil es auch ganz anders hätte kommen können, wenn er nicht zufällig an einen fairen, nicht provisionsgetriebenen Versicherungsvertreter geraten wäre. Allerdings urteilt er hier nicht mit neuem Wissen, sondern urteilt gar nicht, da der Pfad unsichtbar ist, er also überhaupt nicht darüber nachdenkt.

Wenn ein Politiker im Jahr 2020 die Nuller Jahre betrachtet und urteilt: jeder der sich eine private KV hat andrehen lassen, habe (z.B. aus Gier) eine falsche Entscheidung getroffen, dann ist das der Historikerirrtum. Schließlich ist ein schlechtes Ergebnis nicht zwangsläufig die Folge einer schlechten Entscheidung und für den einzelnen mag die kurzfristige finanzielle Entlastung durchaus wichtig und richtig gewesen sein; ja es gibt darunter sogar Personen, die durch geschickte Investition der anfänglichen Sparbeträge insgesamt ein Plusgeschäft gemacht haben.

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